Was versteht man unter Coaching?
23. JÄNNER 2026
Als ich vor über 18 Jahren meine erste Coaching Ausbildung absolvierte, war dieser Beruf noch etwas, auf das man stolz war und das man vor allem sehr, sehr ernst nahm. Heute, knappe zwei Jahrzehnte später, löst das Wort „Coaching“ bei vielen Menschen ein ungutes Gefühl aus, denn was man darunter versteht, was unter diesem Deckmantel auf dem Markt angeboten wird und was Menschen, die wirklich Hilfe und Unterstützung suchen, in gebuchten Sitzungen angeboten und serviert bekommen, ist teilweise sehr zweifelhaft.
*** Für die bessere Lesbarkeit verwende ich im Folgenden die grammatikalische männliche Form, beziehe mich aber selbstverständlich auf alle Menschen, die sich angesprochen fühlen.
Coaching – vom Boom zum Bumm
Unter anderem liegt das daran, dass unter dem Begriff „Coaching“ alles mögliche verstanden wird und sich vor allem selbst ernannte Coaches dadurch in der Lage fühlen, diese Dienstleistung anzubieten, ohne vorher geklärt zu haben, welche Inhalte diesem Berufsbild zugrundeliegen (sollten). Dass damit der Markt mit Verwirrung überflutet wird, ist eine logische Konsequenz daraus.
Das wäre ja alles kein so großes Problem, wenn es sich um Limonade handeln würde. Man weiß im Grunde, was Limonade ist, man schaut auf dem Etikett, was man sich geschmacklich und in Bezug auf die Inhaltsstoffe erwarten kann, und probiert dann. Schmeckt sie schließlich doch nicht, oder bekommt sie einem nicht, dann verzichtet man eben das nächste Mal drauf.
Mir ist bewusst, dass dieser Vergleich hinkt, zumal es sich bei Limonade ja auch nicht um eine Dienstleistung handelt. Aber was ich damit sagen will, ist, dass Coaching (welches einem nicht bekommt), SEHRWOHL eine negative Konsequenz haben kann für denjenigen, der es konsumiert / in Anspruch genommen hat.
Das kann von vergeudeter Liebesmüh und dem Verlust von viel Geld bis hin zu Re-Traumatisierung oder gar erst dem Schaffen von problematischen inneren Zuständen reichen. Ganz zu schweigen von dem Ärger darüber, dass „der Coach immer alles besser weiß und einen total durcheinander gebracht hat, was zur Folge hatte, dass man sich jetzt lieber wieder auf sich selbst und die Tatsache verlässt, dass eh alles gut ist so wie es schon immer war“.
Und dabei geht es gar nicht um mangelndes Know-how, sondern vor allem darum, dass viele den Grundsatz von Coaching nicht verstanden haben und es mit „Beratung“ verwechseln. Denn Coaches wollen vor allem eines: helfen! Und wenn man helfen will, gerät man schnell in den Sog von „ich weiß, wie es geht, und weil ich unbedingt möchte, dass du es auch kannst, zeige ich dir jetzt das Wie“.
Und voilà, sind wir bereits weit außerhalb von dem, was die richtige Definition von Coaching ist.
Lasst uns mal die Definition von Coaching anschauen, die von internationalen Fach-Verbänden vorgenommen wurde:
1. International Coaching Federation (ICF) – weltweit führender Verband
Die ICF definiert Coaching als:
ein partnerschaftlicher, gedankenanregender und kreativer Prozess, der Klienten darin unterstützt, ihr persönliches und berufliches Potenzial zu maximieren. Coaching schafft Raum für neue Perspektiven, erhöht Vorstellungskraft, Produktivität und Führungskompetenz.
2. European Mentoring and Coaching Council (EMCC) – international anerkannt
Die EMCC (in gemeinsamen Formulierungen mit anderen Verbänden) beschreibt Coaching ähnlich:
ein professionell geführter Prozess, der Klienten inspiriert, ihr Potenzial zu entfalten, neue Möglichkeiten wahrzunehmen und Kompetenz, Entscheidungskraft und Lebensqualität zu verbessern – in einer vertraulichen Partnerschaft.
3. Wissenschaftlich fundierte Definition (Greif 2008)
Aus einem akademischen Coaching-Kontext:
Coaching ist eine intensive und systematische Förderung von problem- und selbstreflexiver Zielerreichung, die Menschen oder Gruppen unterstützt, selbstkongruent Ziele zu erreichen und bewusstes Selbst-Change bzw. Selbstentwicklung zu ermöglichen – ohne psychotherapeutische Interventionen.
Wenn man die Verbände und die akademische Literatur zusammenfasst, lassen sich folgende grundlegende Bestandteile für die Definition von Coaching formulieren:
Coaching ist ein professioneller, strukturierter und partnerschaftlicher Prozess, in dem ein Coach durch gezielte Fragen, Reflexion und Begleitung Klienten dabei unterstützt
→ Selbstbewusstsein zu entwickeln
→ eigene Potenziale zu erkennen
→ klare Ziele zu formulieren
→ eigene Lösungen zu finden und
→ selbstbestimmte Handlungen umzusetzen,
um persönliches und berufliches Wachstum und Leistungsfähigkeit zu fördern.
Coaching kann verschiedene Formen von Output haben – Ziele umsetzen, Klarheit gewinnen, Leistung steigern, mentale Stärke aufbauen, Veränderungen meistern, Lösungen finden, etc. – worum es aber immer geht, ist DER PROZESS!
Ein (richtiger) Coach ist in der Lage, einen Prozess führen zu können … auf der Basis einer vertrauensvollen Beziehung!
Bitte noch einmal lesen – den obigen Satz! Am besten mehrmals!
Jetzt wird sicherlich verständlich, warum es kein Coaching ist, in einem Zoom Raum vor 400 Leuten seine eigene Heldenreise zu erzählen, um am Ende ein Gruppen“coaching“ für mehrere Tausend Euro zu verkaufen, das verspricht, das alles möglich ist, wenn du nur ganz fest dran glaubst – weil man selbst es ja auch geschafft hat.
Hier fehlt nicht nur der Prozess, sondern auch die partnerschaftliche Beziehung, die nicht entstehen kann, wenn einer gleichzeitig für möglichst viele dasein möchte bzw. vorgibt, das bewerkstelligen zu können.
Bitte verstehe mich nicht falsch! Auch diese Formate haben ihre Berechtigung, aber es handelt sich hier NICHT um Coaching! Und mir geht es darum, mein Berufsbild zu rehabilitieren, indem ich gerade rücke, was der Markt und die sogenannte Coaching Bubble in den letzten Jahren ganz schon in Schieflage gebracht haben.
Wie konnte das überhaupt passieren?
Naja, der Markt reagiert eben auf „lautes Gebrüll“. Marketing lebt davon, den Lautesten, den Stärksten zu favorisieren. Während die einen mit dem Ausbau ihrer Expertise (leise) beschäftigt sind, sind die anderen mit dem Aufbau ihrer Marke (laut) beschäftigt. Und schon haben wir ein Gefälle, das eindeutig zugunsten von Marketing und weniger zugunsten von Expertise arbeitet.
Und in Zeiten von Social Media und Co., in denen es ohnehin schwierig ist, unter all dem Angebot überhaupt noch was zu finden, wird man gefunden. Und je öfter man gefunden wird, desto eher ist man gewillt, dem Glauben zu schenken, was man immer und immer und immer wieder hört und sieht.
Ganz unter uns gesprochen … auch ich bin darauf reingefallen! Mehrmals sogar! Denn die Marketingsprache hat eine besonders gewiefte Art und Weise, den präfrontalen Cortex, jenen Bereich des Gehirns, der fürs rationale Denken verantwortlich ist, zu umgehen, und dich direkt und eiskalt im limbischen System, im Gehirnareal der Emotionen zu erwischen. Tja, da habe ich eben auch hin und wieder mal Lehrgeld bezahlt. Dafür weiß ich jetzt, wovon ich rede.
Wie findest du nun, einen Coach, der bzw. die zu dir passt
Hier gilt es sowohl beim Coach als auch bei dir selbst in die Tiefe zu gehen.
Beginnen wir beim Coach. Am einfachsten ist es, die Webseite zu durchforsten.
- Finden sich dort Hinweise auf seine Expertise? Gibt es Angaben über Aus- und Weiterbildungen, besondere Qualifikationen, Berufserfahrung etc.?
- Gibt es Hinweise auf die ethische Haltung des Coaches (in der Sprache, im Markenauftritt, in seinen Werten …)
- Ist es leicht, mit dem Coach in Kontakt zu treten, oder kann man nur über einen komplizierten Funnel zu ihm gelangen, indem man seine Daten hinterlegen oder sich irgendwo anmelden muss?
- Bietet der Coach ein kostenloses Kennenlerngespräch? Nicht mit einem Mitarbeiter, sondern direkt mit ihm selbst?
Wie ist der Erstkontakt verlaufen?
- War der Coach freundlich, geduldig, präsent und hat sich für dich interessiert?
- Hat er nach deinen Wünschen und Anliegen gefragt oder gleich zu Beginn gewusst, was das „Beste“ für dich ist?
- Gab es Raum und genügend Zeit für deine Fragen und wurden diese persönlich (und nicht laut Skript) beantwortet?
- Hat der Coach transparent aufgeklärt über Kosten, Verlauf des Prozesses, Zeitrahmen, Vertragsbedingungen etc.?
- Wie hast du dich während des Gesprächs gefühlt? Angenommen, gesehen, wertgeschätzt oder hast du eher das Gefühl gehabt, dass man dir nur was verkaufen will?
- Wer stand während des Gesprächs im Mittelpunkt? Du oder der Coach?
- Hast du verstanden, wie der Coach arbeitet, oder wurdest du darüber im Dunkeln gelassen?
Schaue aber nicht nur auf der Seite des Anbieters, sondern auch bei dir, um möglichst viel Klarheit darüber zu erhalten, was du brauchst und was deinen individuellen Bedürfnissen entspricht.
Deine Checkliste
- Warum möchte ich gerne ein Coaching machen?
- Was ist mein Anliegen, mein Wunsch?
- Was ist mein Ziel? Was soll sich durch ein Coaching verändern oder verbessern?
- Wie soll das Coaching sein? Eher schnell und punktuell ein bestimmtes Thema lösend oder ein längerer Prozess, um bestimmte Muster aufzulösen und tiefgreifende Transformation zu erreichen?
- Was erwarte ich mir von einem Coach?
- Wie stelle ich mir meinen Coach vor? Inspirierend? Unterstützend? Beratend? Jederzeit erreichbar? Emphatisch? Klartext sprechend? Was noch?
- Was ist die absolute Grundvoraussetzung, die mein Coach mitbringen muss?
- Was möchte ich vorab von meinem Coach wissen, um seine Unterstützung und Begleitung in Anspruch nehmen zu können?
Ich denke, wenn du all die oben genannten Punkte für dich klären konntest, steht einer Zusammenarbeit im Sinne der ursprünglichen Definition von Coaching nichts mehr im Wege.
Eine Sache möchte ich allerdings am Ende nicht unerwähnt lassen:
Der Experte für dein Leben bist immer du selbst!
Im Beisein deines Coaches solltest du stets das Gefühl haben, ein selbstbestimmter und unabhängiger Mensch zu sein, der sich nur die From leiht für die eigene Entwicklung – aber nicht den Inhalt. Klar darfst du auch mal nach seiner Meinung fragen, wenn du das möchtest, aber diese Meinung ist immer nur ein „Vorschlag“ … den du annehmen kannst, wenn du damit in Resonanz gehst, oder eben auch nicht. Denn auch ein Vorschlag ist in gewisser Weise ein Schlag. Genauso wie der gute alte Ratschlag.
In diesem Sinne, hoffe ich, dass ich ein bisschen darüber aufklären konnte, was Coaching ist und was nicht. Denn ich glaube, dass es gut ausgebildete Coaches mehr und mehr brauchen wird in dieser zunehmend herausfordernden Welt, in der wir leben. Lassen wir daher nicht zu, dass ganze Berufsbilder in Mitleidenschaft gezogen werden, nur weil die begriffliche Abgrenzung irgendwann mal im Strudel des Marketingwahnsinns verloren gegangen ist.
Lass dich coachen, aber von den Richtigen, und starte durch! Denn das Leben ist dazu da, gelebt zu werden … in Leichtigkeit und Freude!
Alles erdenklich Liebe, deine Julia